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Geschlechterneutrale Kleidung - Alle Farben für jedes Kind
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Pink für Mädchen und blau für Jungs: eine Regel, scheinbar so alt wie Kleidung selbst. Aber was wenn die Dinge vor gar nicht allzu langer Zeit ganz anders waren? Unsere Autorin Sonja geht der Frage nach, wie sich Farben in der Mode im Laufe der Zeit verändert haben und wie Kleidung zu einem politischen Statement werden kann.
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Rosa oder Blau: Alles nur eine Farbe der Zeit? Wann wird geschlechtsneutrale Kleidung für Kinder endlich die Regel statt der Ausnahme?
Wir sind mit meiner Familie im Urlaub an der Ostsee. Ich ziehe meinem Sohn seine rosa-rot-gestreifte Jacke an, die ich kürzlich auf dem Flohmarkt in Berlin gefunden habe. „Aber dann denken ja alle, dass er ein Mädchen ist!“, höre ich meine Mutter sagen. Ich denke nur, wie ein einfaches Kinderkleidungsstück bloß so sehr die Gemüter erregen kann.
Wenn die Jacke deines Kindes politisch wird
Schon beim Kauf besagter Jacke kamen die ersten Kommentare. „Also mein Partner würde das nicht mitmachen“, sagte eine Freundin, die gerade mit ihrem Sohn schwanger war. Noch am selben Tag trug Leander das bereits zum Politikum gewordene Kleidungsstück auf einer Geburtstagsfeier. Die Meinungen schwankten zwischen „coole Jacke“ und „das ist aber mutig“. Meinungen, um die ich selbstverständlich nicht gebeten habe.
Diese Diskussion um geschlechtsneutrale Kleidung für Kinder blieb in meinem ersten Jahr als Mama längst nicht die einzige. Auf einer Hochzeit hatte Leander einen rot-weiß-karierten Overall an und wurde von den meisten Gästen für ein Mädchen gehalten. Trug er bunt gemustert, passierte genau dasselbe. Keine Farbe blieb unkommentiert, außer sie war unverfänglich – also blau. Und das passierte beim Urlaub auf dem Land genauso wie zu Hause in Berlin.
Mir schien es langsam, als seien die Leute mit zu bunter, zu gemusterter oder auch nur geschlechtsneutraler Kinderkleidung überfordert. Als würden sie sich erst zufriedengeben, wenn das Geschlecht eines Babys auf den ersten Blick erkennbar ist. Blau für Jungs und Rosa für Mädchen – eben genau so, wie es per Definition schon immer festgelegt war. Moment mal, schon immer?
Photo by Icons8 Team on Unsplash
Rosa und Blau: eine Geschichte mit wechselnden Regeln
Als Kulturwissenschaftlerin interessiert mich, wie solche Zuschreibungen entstehen. Die Geschichte ist allerdings vielfältiger als „früher genau andersherum“. Die Historikerin Jo B. Paoletti beschreibt in „Pink and Blue“ die Entwicklung amerikanischer Kinderkleidung: Lange waren weiße Kleider für kleine Kinder beider Geschlechter üblich. Später existierten unterschiedliche Farbempfehlungen nebeneinander. Eine über Jahrhunderte einheitliche westliche Regel „Rosa für Jungen, Blau für Mädchen“ lässt sich daraus nicht ableiten.
Ein häufig genanntes Beispiel ist eine amerikanische Handelsveröffentlichung von 1918, die Rosa für Jungen und Blau für Mädchen empfahl. Andere Quellen und Anbieter vertraten andere Zuordnungen. Wie Paoletti im Gespräch über ihre Forschung erläutert, festigte sich die heute vertraute Aufteilung in den USA erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Mode, Handel und gesellschaftliche Vorstellungen wirkten dabei zusammen. Eine einzelne Erklärung über Könige, Marienbilder oder Blaumänner greift deshalb zu kurz.
Für mich zeigt diese Geschichte vor allem: Farben tragen die Bedeutung, die Menschen ihnen geben. Werbung und gesellschaftliche Erwartungen können beeinflussen, welche Kleidung Kinder und Erwachsene als passend empfinden. Daraus muss aber keine feste Grenze für den Kleiderschrank unserer Kinder werden. Rosa, Blau, Grün oder bunt – ich wünsche mir, dass sie die ganze Auswahl haben.

Geschlechtsneutrale Kinderkleidung oder: die ganze Welt der Farben
Letztendlich liegt es an uns selbst, ob wir solche Klischees bedienen möchten oder nicht. Welche Werte wir unseren Kindern mit auf den Weg geben wollen und auch den Menschen, die uns auf unserem Weg begegnen. Wer genauer hinschaut, sieht vielleicht schon einen kleinen Wandel – denn die Nachfrage besteht. Labels mit geschlechtsneutraler Bio Kinderkleidung, Unisex-Schnitten und -Formen sowie (Online-)Shops, die ohne die Kategorien „Mädchen“ und „Jungen“ auskommen. Und zwar deshalb, weil sie einfach nicht nötig sind.
Kleidung ist nicht nur eine Hülle, die uns schützt. Sie ist auch Mode, eine persönliche Präferenz, die Spaß machen soll und uns in unserer Haut wohlfühlen lässt. Mehr noch: sie ist politisch. Niemand sollte sich in der Wahl seiner Garderobe eingeschränkt oder gar diskriminiert fühlen – erst recht nicht Kinder. Und wenn wir als Eltern für unser Baby entscheiden, dass Jungs genauso gut Rosa wie Blau tragen können, dann nimmt das sowohl Einfluss auf uns, unser Kind, aber auch unser Gegenüber. Bestenfalls einen, der den Horizont erweitert.
Copyright by Sonja Köllinger
Als ich schwanger war, hätte ich nicht gedacht, dass ich 2019 immer noch über Farben für Jungen und Mädchen diskutieren werde. Dass ich wildfremden Menschen immer wieder das Geschlecht meines Kindes erklären muss, was doch auch gar nicht wichtig ist. Denn mein Sohn ist ein wunderbarer, neugieriger und offener kleiner Mensch, der zwar jetzt schon seinen eigenen Kopf hat, aber dem es egal ist, ob seine Hose grün, blau oder rosa ist. Der die ganze Welt kennenlernen soll und nicht nur die halbe. Bloß weil manche Leute meinen, dass Jungs nicht mit Puppen spielen, keine Gefühle zeigen oder rosa-geringelten Jacken tragen dürfen. Doch, das dürfen sie. Und es macht ihr Leben mit Sicherheit sehr viel bunter.
Sonja

Sonja ist weit davon entfernt, einen nachhaltigen Kleiderschrank zu haben, ist aber überzeugt, dass auch kleine Schritte gute Schritte sind. Seit rund 10 Jahren lebt sie mit Ihrem Hund und ihrer Katze aus dem Tierheim in Berlin und arbeitet dort als freie Redakteurin für die Themen Fair Fashion, Organic Beauty, Travel und Tech.
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2 Kommentare
Der Enkel meiner Freundin zieht mit Vorliebe x-beliebige Farben an, egal ob uni oder grell und kunterbunt. Er trägt lange Haare wie seine große Schwester. Nachdem er sich mal wieder ein rosa Plüsch-Prinzessinnen-Kleid angezogen hatte, um in den Kindergarten zu gehen, sagte er voller Freunde: „Ist es nicht schön, dass alle Farben für alle das sind?“
Katharina Bethge
Der Enkel meiner Freundin zieht mit Vorliebe x-beliebige Farben an, egal ob uni oder grell und kunterbunt. Er trägt lange Haare wie seine große Schwester. Nachdem er sich mal wieder ein rosa Plüsch-Prinzessinnen-Kleid angezogen hatte, um in den Kindergarten zu gehen, sagte er voller Freunde: „Ist es nicht schön, dass alle Farben für alle das sind?“
Katharina Bethge
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